Ein Wiedersehen mit einem alten Freund
Nach den intensiven Tagen in der Toskana ging unser Weg weiter ans Meer, an die Küste – in den kleinen Ort Marina di Grosseto. Und ehrlich gesagt: Die Vorfreude war riesig. Denn das Meer hat auf mich eine ganz besondere Wirkung. Nicht nur, weil es schön ist – das Wasser, die Geräusche der Wellen, diese ewige Weite und so viel Himmel über dem Kopf, der sich im Laufe des Tages in unendlich vielen Farben verändert. Der Wind, der gefühlt alle Gedanken wegbläst und eine innere Ruhe hineinbringt.
Das alles ist natürlich wunderschön. Und meine Lieblingsreisen, seit ich ein Kind war, gingen immer ans Meer. Aber mit dem Alter und der Entwicklung meiner Hochsensibilität und Übersinnlichkeit war es nicht mehr nur die Schönheit, die mich angezogen hat, sondern etwas ganz Besonderes. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie ich diese Besonderheit benennen soll, denn ich habe noch nie von jemandem gehört, der das Gleiche wahrnehmen kann. Und wenn du das kennst, würde ich mich wirklich freuen, mich mit dir darüber auszutauschen.

Wie ich lernte, mit dem Meer zu sprechen
Begonnen hat es mit einem Kurs, den ich vor vielen Jahren in Quantenpsychologie gemacht habe. Dieser Bereich zwischen Quantenphysik und Psychologie hat mich enorm interessiert und fasziniert – ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Und wirklich im wahrsten Sinne: erfahren, nicht nur lernen. Mittlerweile weiß ich gar nicht mehr genau, in welchem Zusammenhang diese Übung dort stattfand, aber wir sollten innerlich mit Gegenständen und Objekten „verschmelzen“ – mit all ihren Qualitäten, Stärken und Aspekten. Für mich war das eine komplett neue und unglaublich spannende Art, die gewohnten Dinge anders wahrzunehmen und so auf eine neue Weise in Kontakt mit der Außenwelt zu treten.
Und meine Neugier ging weiter. Also habe ich diese Übung einfach mal am Meer ausprobiert – mit dem Meer selbst. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht und ehrlich gesagt eher intuitiv experimentiert, denn das war keine offizielle Übung aus unseren Vorlesungen, bei der es darum ging, sich mit Elementen zu verbinden. Vermutlich würde man so etwas eher in einer Magie-Ausbildung finden – aber damals war ich noch sehr klassisch wissenschaftlich unterwegs. Was dabei herauskam, war… sagen wir mal: ein Ergebnis, mit dem mein wissenschaftlicher Verstand bis heute nicht so richtig klarkommt – eine ganz andere Art der Verbindung mit dem Meer. Nicht mehr als Tourist, sondern als Teil davon – mittendrin statt nur davor.
Damit du besser nachvollziehen kannst, was ich meine: Stell dir vor, du hast eine Person auf der Arbeit. Du nimmst sie zunächst neutral wahr. Und irgendwann kommt ihr zusammen. Das heißt: Vorher war da einfach ein Kollege oder eine Kollegin – neutral. Und ab dem Moment, in dem ihr zusammen seid, nimmst du diese Person ganz anders wahr. Vielleicht als Teil von dir oder deines Systems. Genau so war es, als ich mich mit dem Meer verbunden habe. Ich bin so etwas wie eine Beziehung eingegangen. Das heißt: Wenn ich jetzt ans Meer fahre, ist es kein klassisches „Oh schön, ich fahre ans Meer“ mehr, sondern eher ein „Oh… ich sehe bald wieder meinen liebsten Freund – das Meer.“ Es fühlt sich an, als würde ich einen alten Freund wiedersehen. Aber nicht irgendeinen – sondern einen, den ich wirklich von Herzen liebe und der mir unglaublich viel bedeutet.
Eine weitere Besonderheit, die ich erlebe – und ich kenne bisher niemanden, der das auch so hat – ist, dass ich mit dem Meer sprechen kann. Na gut, sprechen kann mit dem Meer vermutlich jeder. Aber was nach diesem kleinen Experiment neu war: Das Meer antwortet mir seitdem auch. Ja… ich weiß, wie das klingt. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, um das einzuordnen.
Und das geschieht folgendermaßen: Dafür brauche ich unbedingt körperlichen Kontakt zum Wasser. Je mehr, desto klarer höre ich die „Stimme“ des Meeres. Kein Körperkontakt – schlechte Verbindung. Wenig Körperkontakt – normale Verbindung. Ganz im Wasser – perfekte Verbindung. Um diese Verbindungsstufen herauszufinden, musste die Wissenschaftlerin in mir natürlich erst einmal systematisch testen, wo genau die Grenzen liegen – von Baden im Frühling in Italien bis hin zu „ich halte mal kurz die Hände ins Wasser“ im Winter an der Nordsee.
Die erste klare Antwort
Und ich kann mich noch sehr genau an den Moment erinnern, in dem ich zum allerersten Mal die ziemlich klare Stimme des Meeres gehört habe. Das war kurz nach meiner kleinen Experiment-Übung. In dieser Zeit war ich innerlich komplett zerbrochen – nach der Trennung von meinem Ehemann. Die Situation damals war einfach nur zum Schreien. Mein ganzes Leben ist in kürzester Zeit zerfallen. Es war ein absoluter Schockzustand. Ich war orientierungslos, wusste nicht, was ich tun soll, wie mein Leben weitergehen soll. Diese Ehe war mein Zuhause, meine Familie, mein Freundeskreis – mein Leben, schlichtweg.
Also bin ich zu meiner Cousine nach Barcelona geflogen – um mich einerseits von diesem Schock zu erholen und andererseits, um mich neu zu sortieren. Und ich ging ins Wasser. Nicht wie sonst, im Modus „ich schwimme und genieße“, sondern mit einem Gedankenkarussell: „Warum ist das passiert?“ „Was soll ich tun?“ „Wie geht es weiter?“ „Was sind meine nächsten Schritte?“
Und ich war ehrlich überrascht, als ich in meinem Kopf ganz klare Antworten gehört habe. Erklärungen. Hinweise. Konkrete To-dos. Und es waren nicht meine Gedanken. Das kann ich nämlich mittlerweile gut unterscheiden. Vor allem, seit ich ThetaHealerin bin – denn beim ThetaHealing ist es essenziell, zu unterscheiden, welche „Stimme“ durch uns spricht: Vorfahren, Engel, Gesetze des Universums, die Schöpfung… oder der eigene Verstand ..oder Ego. All diese Stimmen haben ihren eigenen Klang und ihre eigene Energie. Und mit der Zeit kann man sie ganz gut unterscheiden. So wie in der Musik: Am Anfang hört man einfach nur Töne. Mit etwas Übung erkennt man, ob es ein C ist, ein E, eine Terz oder ein Septakkord. Wie man so schön sagt: Übung macht den Meister. Also, als ich im Meer war, mitten in meinem Gedankenkarussell, und diese für mich neue Stimme hörte, wusste ich: Sie kommt nicht aus meinem Verstand. Denn die Gedanken waren neu, unglaublich klar und absolut weise. Ich habe Botschaften darüber bekommen, wie sich mein Ehemann verhalten wird.
Und tatsächlich – einige Monate später ist genau das eingetreten.

Ich war überrascht, und diese Tatsache öffnete ein riesiges Feld an Fragen: Wie kann so etwas sein? Wie konnte ich wissen, was die Zukunft bringt? Woher kommt dieses Wissen? Wie geht das überhaupt? Warum höre ich diese Stimme nur im Wasser?
Und natürlich habe ich dieses Ereignis mit niemandem geteilt. Ich wusste ganz genau, wie es klingen und wie es sich anhören würde. Ich war schließlich in der Forschung und hatte keine Lust, schief angeguckt zu werden. Ich hatte viele Jahre niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Und ja, es ist innerlich ziemlich einsam, wenn man das nicht teilen kann. Aber auf der anderen Seite ist es auch ein ganz normaler Schutzmechanismus. Und da ich (leider) nicht am Meer wohne und solche Erlebnisse oder Antworten vom Meer eher selten hatte, gab es auch nicht besonders viel zu erzählen – sodass es für mich mit der Zeit kein Problem mehr war, damit alleine zu leben. Und wenn ich diese – ich nenne es mal ganz unbescheiden – ziemlich coole Gabe habe, mich mit dem Meer zu verbinden und Antworten auf meine ganz normalen weltlichen Fragen zu bekommen… dann reicht mir das. Man kann das Ganze ja schließlich immer als „Intuition“ bezeichnen – und schon wirkt man für die Gesellschaft wieder ganz „normal“.
Wenn das Meer schweigt
Aber manchmal bekomme ich auch keine Antworten auf meine weltlichen Fragen. Manchmal schweigt das Meer. Und rückblickend betrachtet hatte das immer einen Sinn. So war es zum Beispiel mit meiner Doktorarbeit. Die Forschung war abgeschlossen, aber meine Hypothese wurde nicht bestätigt. Das hat mich natürlich enttäuscht. Und dann sollte ich dieses „negative Ergebnis“ in einer Monografie ausformulieren – und ich habe darin überhaupt keinen Sinn gesehen. Aber gut: Wer einen Doktortitel will, muss da durch. Auch wenn man insgeheim weiß, dass das am Ende wahrscheinlich nur der Doktorvater liest… und die paar Menschen bei der Disputation. Und da Effektivität für mich ein wichtiger Wert ist, erschien mir das alles… sagen wir mal: wenig sinnvoll.
Also stand ich mitten in diesem Doktorarbeits-Dilemma wieder einmal im Meer – mit der Frage: Wie schaffe ich es, mich selbst zu überwinden und diese Monografie zu schreiben, obwohl ich darin keinen Sinn sehe? „Gar nicht“ wäre vermutlich die ehrlichste Antwort gewesen. Aber das wollte ich überhaupt nicht hören. Also blieb ich hartnäckig bei meiner Frage. Denn mein Ego wollte den Titel – wenn ich mich schon 5 Jahre mit einem Thema beschäftigt hatte. Und das Meer… schwieg.
Im Nachhinein kann ich das absolut verstehen. Aber damals – ohne Witz – bin ich jeden Tag 2 Stunden am Strand entlanggelaufen. Wer schon einmal in Barcelona war, weiß: Man kann dort ewig laufen. Ich habe dieselbe Frage immer wieder gestellt, anders formuliert, variiert, war kreativ, hartnäckig. Ich wollte eine Lösung. Aber das Meer blieb still. Heute, Jahre später, verstehe ich, warum: Der Wunsch nach dem Doktortitel war reines Ego. Er hatte nichts mit meiner inneren Wahrheit zu tun. Das Meer hat mir also keine Lösung angeboten – und ich mir ehrlich gesagt auch nicht, trotz all meiner Versuche, mich selbst auszutricksen. Und heute kann ich sagen: Die Zeit, die ich in eine sinnlose Monografie gesteckt hätte, habe ich viel besser genutzt – mit deutlich mehr Wirkung für die Menschen, die ich in dieser Zeit begleiten und in ihren ganz realen, weltlichen Themen unterstützen durfte. Das hätte meine Monografie, bei allem Respekt, wahrscheinlich nicht getan.
Und als ich traurig über den nicht vorhandenen Titel war, kam die Botschaft: „Einmal Wissenschaftlerin – immer Wissenschaftlerin.“ Und ja, ich würde tatsächlich gern noch einmal promovieren. Aber über ein Thema, das wirklich meiner Wahrheit entspricht. Vielleicht über Übersinnlichkeit. Allerdings muss ich wohl noch ein bisschen warten, bis die Wissenschaft sich in ihrem doch sehr konservativen Denken etwas weiterentwickelt.
Mit diesem kleinen Exkurs zur Entstehung meiner ab jetzt nicht mehr geheimen Verbindung zum Meer kannst du dir vielleicht vorstellen, mit welcher Vorfreude ich von der Toskana dorthin gefahren bin. Denn es war kein typisches „Wir fahren ans Meer“ – es war ein sehnsüchtig erwartetes Wiedersehen. Wie mit einem Freund, der mir mit der Zeit unglaublich ans Herz gewachsen ist. Einem, dem ich so viel erzählen wollte – und noch mehr Fragen stellen. Seine Meinung hören. Seine Ratschläge. Denn das, was ich bis dahin auf dieser Reise erlebt hatte, konnte ich nur mit ihm wirklich teilen. Mit offenem Herzen. Und ich wusste: Er versteht mich. Und er wird mir die Antworten geben, die wirklich wahr sind – nicht vom Ego getrieben, sondern liebevoll, klar und aus einer höheren Perspektive.
Es ist schon etwas Besonderes, wenn man nicht nur weltliche Freunde hat. Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Geschenke in dieser manchmal auch herausfordernden Gabe.
Eine Woche zwischen Meer und Kiefernwald
Unsere Unterkunft lag direkt am Meer. Ich konnte morgens aufstehen, die Tür öffnen und innerhalb weniger Schritte im Sand stehen. Noch mit verschlafenen Augen, mit diesem Gefühl von „erst einmal im Körper ankommen“, bevor der Tag überhaupt beginnt. Der Wind war kühl, manchmal fast zu stark, aber hey… es ist ja bereits November. Es fühlte sich an, als würde dieser Wind den Kopf freipusten – alles, was sich in den letzten Tagen angesammelt hatte, ein wenig auseinanderwirbeln.
Das Rauschen der Wellen hatte etwas Gleichmäßiges, fast Beruhigendes. Nicht laut, eher wie ein ruhiger Hintergrundklang, der einfach da ist und bleibt. Fast so, als würde jemand im Hintergrund leise sagen: Alles ist gut. Und ich merkte, wie sehr ich das gebraucht hatte.
Wir verbrachten dort etwa eine Woche. Zwischen Meer und Kiefernwald fand ich zum ersten Mal seit Beginn der Reise wieder so etwas wie Zuhause. Diese Kiefern… diese geschwungenen, rotbraunen Stämme, die sich fast elegant in den Himmel bogen. Der würzige Duft der Nadeln, der in der warmen Luft lag. Das weiche, leuchtende Grün der Kronen, das sich gegen den hellen Himmel abzeichnete. Sie erinnerten mich sofort an Zuhause. An die Wälder in der Nähe meines Geburtsortes bei Kiew. Und auch an die Berliner Umgebung, wo diese Bäume selbstverständlich dazugehören.
Und plötzlich war da dieses leise, fast unscheinbare Gefühl von Vertrautheit. So, als würde ein Teil von mir sagen: Hier kannst du dich ausruhen. Gerade auf Reisen merkt man, wie wertvoll solche Momente sind. Nicht die großen Sehenswürdigkeiten. Nicht dieses „Wow, das muss man gesehen haben“. Sondern dieses kleine, stille Gefühl von Geborgenheit in einem fremden Land.
Und gleichzeitig wurde mir etwas sehr Wichtiges bewusst: Wie entscheidend es ist, überhaupt zu wissen, was einem guttut. Welche Orte. Welche Gerüche. Welche Landschaften. Denn genau dieses Wissen wird zu einem Anker – vor allem dann, wenn im Außen alles intensiv, laut oder einfach… zu viel ist.
Diese Woche am Meer war nicht nur Erholung. Sie war auch Alltag. Zwischen Spaziergängen am Strand und Kaffee mit Blick aufs Wasser fand auch ganz normales Arbeiten statt – Sessions mit Klientinnen, Menschen begleitet und bei Lebensentscheidungen unterstützt. Ich habe angefangen, das Erlebte aufzuschreiben, meine Gedanken zu sortieren, erste Zeilen festzuhalten – und genau hier, am Meer, entstand auch die Idee zu diesem Blog. Ich wusste schon länger, dass ich schreiben möchte, aber noch nicht, worüber. Und dann kam der Gedanke: Warum eigentlich nicht über diese Reise und all das, was mir hier passiert ist?
Und – ganz ehrlich – ich habe meinem eigenen Rhythmus Raum gegeben. Auch meinem Körper. Meinem weiblichen Zyklus. Den Tagen, an denen ich einfach Rückzug brauche. Früher hätte ich das ignoriert. Hätte einfach „durchgezogen“. Heute weiß ich: Das kostet mich am Ende viel mehr Energie. Und die Reise danach auszurichten hat sich als goldwert erwiesen.
Ein Trommeln, das aus der Erde kommt
Völlig erholt und noch getragen vom gleichmäßigen Rauschen des Meeres machten wir uns schließlich auf den Weg nach Rom. Und schon auf der Fahrt dorthin passierte etwas, das ich bis dahin so noch nie erlebt hatte. Ich hörte… ein Trommeln. Nicht mit den Ohren. Eher wie ein inneres Wahrnehmen. Ein tiefer, rhythmischer Puls.
Zuerst konnte ich es überhaupt nicht einordnen. Ich schaute mich um, suchte im Außen nach einer Quelle. Mein Verstand suchte sofort nach etwas Logischem. Aber je näher wir Rom kamen, desto deutlicher wurde es. Dieser Rhythmus kam nicht von etwas Sichtbarem. Er kam… aus der Erde. Aus dem Ort selbst. Und irgendwann wurde mir klar: Das unterirdische Trommeln gehört zu dieser Stadt. Rom hat einen eigenen Takt. Einen sehr starken. Und für meine innere Wahrnehmung: einen sehr lauten.
Und ich war mittendrin auf dem Weg dorthin – noch neugierig, noch interessiert, fast ein bisschen aufgeregt. Mit der Frage: Wo kommt das her? Vielleicht vom Petersdom? Vielleicht vom Kolosseum? Diese Orte wollten wir ohnehin besuchen. Also fuhr ich weiter mit einer Mischung aus Vorfreude und Neugier. Ich wollte herausfinden, wo dieser Rhythmus seinen Ursprung hat.
Rom war zu viel – und ich merkte es sofort
Doch kaum fuhren wir in die Stadt hinein, wurde aus dieser Neugier etwas ganz anderes. Rom war… intensiv. Autos schoben sich durch die engen Straßen, Roller drängten sich aus allen Richtungen zwischen die Fahrzeuge, Menschen überquerten die Straße mit einer Gelassenheit, als gäbe es Verkehrsregeln eher als freundliche Empfehlung. Stimmen überlagerten sich, irgendwo hupte jemand, irgendwo diskutierten zwei Autofahrer lautstark miteinander, und irgendwo kämpfte sich ein Krankenwagen mit heulender Sirene durch die Menge. Es war laut. Unkoordiniert. Und gleichzeitig schien dieses Chaos eine eigene Ordnung zu haben. Rom funktionierte. Nur ich… funktionierte plötzlich nicht mehr so gut.
Unsere Unterkunft lag bewusst außerhalb der Innenstadt. Das hatten wir ganz absichtlich so gewählt, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Wir reisten mit dem Motorrad, und uns war ein sicherer Parkplatz wichtiger als eine perfekte Lage mitten im Zentrum. Gerade auf längeren Reisen lernt man ziemlich schnell, wie wertvoll ein geschützter Stellplatz sein kann. Und ehrlich gesagt wurde uns diese Entscheidung sehr schnell bestätigt: Auf einer der Straßen, durch die wir auf dem Weg zur Unterkunft fuhren, stand ein komplett ausgebranntes Motorrad am Straßenrand – nur noch ein schwarzes, verkohltes Gerippe aus Metall. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Wir fuhren daran vorbei, schauten kurz hin – und ich dachte nur: Gut, dass wir einen überwachten Parkplatz haben. Plötzlich erschien mir diese Entscheidung noch sehr viel klüger als vorher.

Als wir schließlich bei der Unterkunft ankamen und ich das Badezimmer sah, hätte ich ehrlich gesagt fast vor Freude applaudiert. Eine Badewanne. Ich liebe Wasser. Ich liebe Baden. Fast so sehr, wie andere Menschen ihren ersten Kaffee am Morgen brauchen. Und genau in diesem Moment wurde mir bewusst, wie gut es gewesen war, meiner Intuition zu folgen. Denn bevor wir aus Deutschland losgefahren waren, hatte ich – ohne großen Plan – einfach ein paar Dinge eingepackt: Badeschaum, ätherische Öle, kleine Badezusätze. Nicht, weil ich wusste, dass ich sie brauchen würde. Eher so ein innerer Impuls. Und jetzt, mitten in Rom, war ich plötzlich sehr dankbar dafür.
Schon diese kurze Fahrt durch die Innenstadt hatte mich innerlich angestrengt. Ich merkte, wie sehr ich mich auf diesen Moment freute: heißes Wasser, Ruhe, Tür zu, ein bisschen Abstand zu dieser unglaublich intensiven Stadt. Aber die eigentliche Reizbarkeit kam erst am nächsten Tag.
Der Tag, an dem mein System streikte
Am ersten Tag wollten wir natürlich das tun, was man in Rom eben tut: Sehenswürdigkeiten anschauen. Ganz oben auf meiner Liste stand das Kolosseum. Das Problem war nur: ungefähr fünftausend andere Menschen hatten exakt dieselbe Idee. Als wir dort ankamen, standen bereits endlose Menschenschlangen vor dem Eingang. Gruppen von Touristen, Reiseführer mit kleinen Fähnchen, Menschen mit Kameras, Stimmen aus allen Richtungen. Und ich stand mitten in dieser Menge und merkte, wie mich das plötzlich unglaublich nervte. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Menschenmengen hätte – ganz im Gegenteil.
Ich bin in Kiew geboren und aufgewachsen, mitten in einer Millionenstadt. Menschen, Verkehr, Lärm, volle Straßen – das gehört dort ganz selbstverständlich zum Alltag. Und heute lebe ich in Berlin, auch nicht gerade ein Ort, an dem man sich über eine ruhige, meditative Atmosphäre wundern würde. Ich bin also wirklich kein Mensch, der aus einem kleinen Dorf kommt und plötzlich von einer Hauptstadt überwältigt wird. Großstadt kann ich. Menschenmengen auch. Und genau deshalb irritierte mich meine eigene Reaktion so sehr.
Denn plötzlich stand ich mitten in Rom und merkte, wie mein System anders reagierte als sonst. Diese Warteschlange am Kolosseum machte mich plötzlich wütend – nicht dramatisch, nicht laut, aber deutlich. Ich dachte nur: Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Also beschlossen wir, das Kolosseum für diesen Tag einfach aufzugeben. Und gingen weiter.
Doch die nächste Szene ließ nicht lange auf sich warten. Ich suchte eine Toilette. Eigentlich eine völlig banale Sache – in jeder Stadt der Welt sucht man irgendwann eine Toilette. Nur schien Rom an diesem Tag beschlossen zu haben, dieses Konzept komplett abzuschaffen. Und während ich normalerweise einfach kurz einen Espresso bestellt hätte und das Ganze erledigt gewesen wäre, merkte ich plötzlich, wie mich diese Situation immer mehr reizte. Nicht, weil sie wirklich schlimm gewesen wäre, sondern weil mein Nervensystem bereits auf Hochspannung lief.
Und dann kam noch etwas dazu: Ich musste meine Mutter anrufen. Sie hatte einen Arzttermin, und ich sollte ihr etwas übersetzen. Also suchte ich mir eine ruhigere Straße, stellte mich ein Stück abseits und versuchte, das Gespräch zu führen – zumindest theoretisch. Denn praktisch war diese „ruhige Straße“ ungefähr so ruhig wie ein Bahnhof zur Hauptverkehrszeit, eine Mischung aus Verkehrsknotenpunkt, italienischer Familienfeier und spontanem Straßenkonzert. Roller beschleunigten direkt neben mir, Autos hupten, Menschen redeten laut miteinander, irgendwo schimpfte jemand auf Italienisch. Und ich stand dort mit dem Telefon am Ohr und versuchte gleichzeitig medizinische Informationen zu übersetzen. Ich merkte, wie meine Geduld langsam bröckelte – nicht, weil jemand etwas falsch gemacht hätte, sondern weil mein System einfach… überfordert war. Irgendwann gab ich auf. Nicht, weil ich es nicht konnte, sondern weil mein System einfach nicht mehr mitmachte. Und genau in diesem Moment begann ich zu merken, dass etwas wirklich nicht stimmte. Nicht im Außen. Sondern in mir.
Und dann passierte noch etwas völlig Banales: Ich verlief mich. Normalerweise wäre das der Moment gewesen, in dem ich kurz auf mein Handy schaue, lache und denke: „Na gut, dann eben einmal um den Block.“ An diesem Tag dagegen stand ich mitten auf einer Straße in Rom und spürte, wie in mir plötzlich Wut hochkam. Nicht diese dramatische, filmreife Wut, eher eine trockene, stille, völlig grundlose Gereiztheit. Ich dachte: Was ist denn heute los mit mir? Diese Reaktionen passten einfach nicht zu mir. Und genau das machte es so irritierend.
Der Höhepunkt kam schließlich an der Spanischen Treppe. Plötzlich begann mein Körper zu reagieren – nicht emotional, physisch. Mir wurde schwindelig, dieses unangenehme Gefühl, als würde der Boden plötzlich ein wenig nachgeben, obwohl er sich natürlich überhaupt nicht bewegt. Mein Kreislauf sackte ab, eine leichte Übelkeit kam dazu. Und in solchen Momenten schaltet mein Kopf sofort auf pragmatisches Denken um: Okay, vielleicht habe ich einfach Hunger. Vielleicht fehlt Zucker. Vielleicht brauche ich Wasser. Also setzte ich mich kurz hin, aß etwas, trank etwas – all die üblichen Dinge, die man in solchen Momenten tut. Aber es änderte nichts. Der Körper blieb angespannt. Der Kopf blieb überreizt. Und genau da wurde mir klar: Das hat nichts mit Hunger zu tun.
Im Park: die erste kleine Beobachtung
Also ließen wir das Sightseeing für diesen Moment einfach los. Wir gingen in den nächstgelegenen Park. Ich setzte mich auf eine Bank, lehnte mich zurück, schloss kurz die Augen und versuchte einfach nur, wieder bei mir anzukommen. Nicht analysieren. Nicht verstehen. Einfach atmen.
Der Park war deutlich ruhiger als die Straßen. Man hörte noch Stimmen in der Ferne, ab und zu ein Auto, irgendwo spielten Kinder. Und trotzdem war da immer noch diese innere Spannung, als würde mein gesamtes System sagen: Hier stimmt gerade etwas nicht.
Und genau in diesem Moment begann ich, mich selbst zu beobachten. Nicht kritisch, nicht wertend, eher neugierig. Ich dachte: Interessant. Mein Körper reagiert gerade stärker auf diese Stadt, als ich es erwartet hätte. Und genau diese Beobachtung war der erste kleine Schritt zurück zu mir selbst. Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, dass mit mir „etwas nicht stimmt“, sondern darum, dass mein System offensichtlich auf eine Energie reagiert, die einfach… anders ist. Und das war der Moment, in dem ich begann zu verstehen, dass Rom vielleicht nicht nur laut ist, sondern energetisch tatsächlich einen eigenen, sehr starken Rhythmus hat. Einen Rhythmus, den ich bereits auf der Fahrt gespürt hatte – und der mich jetzt mitten in der Stadt komplett aus meinem eigenen Takt gebracht hatte.
Energetischer Jetlag
Und irgendwann am Abend – natürlich wieder in der Badewanne – begann sich langsam etwas in mir zu sortieren. Ich lag im warmen Wasser, der Raum war gedämpft vom Licht der kleinen Lampe im Bad, irgendwo im Hintergrund lief leise klassische Musik. Der Duft von ätherischen Ölen hing in der Luft, dieser vertraute Geruch, der mich immer sofort ein Stück näher zu mir selbst zurückbringt.
Ich liebe diese Momente. Warm, still, einfach. Und genau in dieser Ruhe begann mein Körper langsam zu entspannen. Ich spürte, wie sich meine Schultern lösten, wie mein Atem ruhiger wurde, wie dieses permanente innere Vibrieren langsam nachließ.
Und in diesem Moment kam der Gedanke – nicht wie eine große Offenbarung, eher wie eine ganz nüchterne Feststellung: Rom hat einen eigenen Rhythmus. Und ich… bin gerade nicht in meinem. Es fühlte sich an wie in der Musik, wenn zwei Töne nicht zusammenpassen. Nicht falsch – aber unangenehm. Eine Dissonanz.
Und plötzlich hatte ich ein Wort dafür: Jetlag. Nur nicht zeitlich. Energetisch. Wenn man in ein anderes Land reist, kennt man dieses Gefühl: Der Körper ist noch in der alten Zeit, während die Welt um einen herum bereits eine andere Uhr hat. Man funktioniert irgendwie, aber alles fühlt sich leicht verschoben an. Und genau so fühlte sich mein System in Rom an. Die Stadt vibrierte in einem Tempo, in einer Intensität, in einem energetischen Schlag, der einfach nicht meinem eigenen Rhythmus entsprach. Und mein Körper reagierte darauf. Nicht, weil etwas „falsch“ war, sondern weil mein System sehr fein wahrnimmt.
Allein diese Erkenntnis brachte eine unglaubliche Entlastung. Denn plötzlich musste ich mich nicht mehr fragen, warum ich „komisch drauf“ bin. Ich musste nichts reparieren. Ich musste nur… auf mich hören.
Ohne Plan durch die Stadt
Am nächsten Morgen traf ich eine sehr einfache Entscheidung. Ich hörte auf, Rom „richtig“ erleben zu wollen. Ich ließ diese ganzen inneren Vorstellungen los, was man alles sehen sollte, wenn man schon einmal hier ist: Kolosseum, Vatikan, Museen, Sehenswürdigkeiten – diese ganze Liste, die sich irgendwo automatisch im Kopf bildet, sobald man eine berühmte Stadt besucht. Und ich dachte mir einfach: Heute nicht. Heute gehe ich einfach durch die Stadt. Ohne Plan, ohne Ziel, ohne diese innere Stimme, die sagt: „Du bist nur drei Tage hier, also musst du jetzt möglichst viel sehen.“
Ich lief los, ohne Karte, ohne Route. Und ich merkte ziemlich schnell, wie sich mein Körper entspannte. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt. Die Stadt war immer noch laut, die Menschen waren immer noch überall, die Roller fuhren immer noch so, als hätten Verkehrsregeln eher einen dekorativen Charakter. Aber ich musste mich nicht mehr anpassen. Ich musste nichts „mitmachen“. Ich ging einfach durch die Straßen, blieb stehen, wenn mir etwas gefiel, bog spontan irgendwo ab, setzte mich zwischendurch einfach auf eine Bank.
Und irgendwann – völlig unspektakulär – stand ich vor einem kleinen asiatischen Restaurant. Was in Rom ungefähr so logisch ist wie ein Sushi-Laden auf einem bayerischen Almfest. Und genau das fand ich plötzlich unglaublich sympathisch. Ich setzte mich hinein, bestellte etwas Warmes mit Gemüse – etwas Leichtes, Frisches – und merkte schon beim ersten Bissen, wie mein Körper regelrecht aufatmete. Es war, als hätte mein System gesagt: Danke. Genau das habe ich gebraucht.
Und ich musste lachen. Denn natürlich hätte ich theoretisch „typisch italienisch“ essen sollen – Pasta, Pizza, irgendetwas Authentisches. Aber mein Körper wollte gerade einfach nur Gemüse. Und genau in diesem Moment wurde mir wieder einmal klar, wie einfach Selbstfürsorge manchmal ist. Man hört einfach auf, „richtig“ sein zu wollen. Und beginnt, ehrlich zu sein.
Nach dem Essen lief ich weiter durch die Stadt, langsam, ohne Ziel. Und ich merkte, wie sich meine Energie Stück für Stück veränderte – nicht plötzlich, aber spürbar, als würde mein inneres System langsam wieder in seinen eigenen Rhythmus zurückfinden.
Am Abend kehrte ich – wie könnte es anders sein – wieder zu meinem kleinen Ritual zurück: Badewanne, warm, ruhig. Ich glaube ehrlich gesagt, dass ich diese Stadt ohne Badewanne kaum überstanden hätte. Oder zumindest deutlich schlechter. Wasser ist für mich nicht nur Entspannung, es ist Regulation. Es bringt mein System wieder zurück in Balance. Und während ich im warmen Wasser lag, dachte ich plötzlich: Vielleicht muss ich Rom gar nicht verstehen. Vielleicht muss ich einfach nur ich selbst bleiben.
Kolosseum, Forum und die Vestalinnen
Der dritte Tag begann erstaunlich ruhig. Nicht, weil Rom plötzlich still geworden wäre – das wäre wirklich zu viel verlangt gewesen –, sondern weil ich innerlich wieder mehr bei mir war. Als wir uns auf den Weg zum Kolosseum machten, war die Stadt bereits wach. Menschen strömten durch die Straßen, Reisegruppen sammelten sich vor den Eingängen, Kameras klickten, Stimmen mischten sich in allen möglichen Sprachen. Und trotzdem fühlte es sich anders an als zwei Tage zuvor. Die Energie der Stadt war immer noch da – dieses kräftige Pulsieren, dieses Trommeln, das ich schon auf der Anreise gespürt hatte –, aber mein Körper reagierte nicht mehr so empfindlich darauf. Es war, als hätte mein System über Nacht gelernt, sich besser zu regulieren. Oder vielleicht war es einfacher: Ich war wieder bei mir angekommen.
Wir waren am Kolosseum angekommen und schon beim Betreten dieses gigantischen Bauwerks spürte ich sofort, dass dieser Ort eine ganz eigene Schwere trägt. Natürlich – hier haben Kämpfe stattgefunden, hier wurde Macht demonstriert, hier sind Menschen gestorben. All diese Geschichten liegen noch immer in der Luft. Und doch nahm ich sie diesmal anders wahr. Meine Wahrnehmung war noch da, aber sie drängte sich nicht auf. Es war eher, als würde ich die Energie dieses Ortes aus der Distanz betrachten, statt mitten in ihr zu stehen. Als hätte mein inneres System entschieden: Heute reicht es, einfach hier zu sein. Nicht alles fühlen zu müssen. Nicht alles aufzunehmen. Und genau das fühlte sich richtig an.

Nach dem Kolosseum gingen wir weiter ins Forum Romanum. Dort, zwischen den Ruinen, beginnt Rom plötzlich eine andere Sprache zu sprechen. Die Straßen werden weiter, die Luft scheint sich zu öffnen. Und während andere Besucher mit ihren Stadtplänen durch die Anlage liefen, blieb ich irgendwann einfach stehen. Vor ein paar Steinen. Keine spektakuläre Ruine, kein besonders auffälliger Ort – für die meisten Menschen wahrscheinlich einfach ein weiterer archäologischer Rest. Und trotzdem war da sofort dieses Gefühl: Hier.
Ich blieb stehen, ließ meinen Blick über die Umgebung schweifen und spürte dieses vertraute Ziehen in meiner Intuition. Dieses leise, klare Wissen, das sich nicht erklären lässt, aber sich immer wieder als erstaunlich zuverlässig erweist. Also griff ich nach dem Plan und las nach: Tempel der Vestalinnen. Ich musste lächeln. Natürlich.
Die Vestalinnen waren in der römischen Antike eine ganz besondere Gemeinschaft. Frauen, die dem Dienst an der Göttin Vesta gewidmet waren. Sie bewahrten das heilige Feuer Roms – ein Symbol für Schutz, Kontinuität und das Leben der Stadt selbst. Und gleichzeitig lebten sie in einer eigenen Welt. Inmitten dieser lauten, männlich dominierten, politischen und militärischen Gesellschaft hatten sie einen Raum geschaffen, der völlig anders funktionierte: eine geschützte Gemeinschaft, eine Art spirituelle Insel. Die Vestalinnen mussten nicht heiraten. Sie gehörten keiner Familie. Sie waren unabhängig. Und genau dadurch konnten sie eine Rolle erfüllen, die sonst niemand erfüllen konnte.
Während ich dort stand und diese Geschichte las, spürte ich plötzlich ein inneres Schmunzeln. Natürlich hat mich meine Intuition genau hierher geführt – zu einem Ort, an dem Frauen gelernt hatten, mitten in einer turbulenten Welt ihren eigenen Raum zu bewahren. Ihre eigene Energie. Ihre eigene Ordnung. Eine Oase. Und genau das war ja auch meine eigene Aufgabe in diesen Tagen gewesen: nicht mit jeder Energie mitzuschwingen, die mir begegnet, sondern meinen eigenen Rhythmus zu halten.
Ich blieb noch eine Weile dort. Nicht, weil ich unbedingt „etwas erleben“ wollte, sondern weil sich dieser Ort ruhig anfühlte. Stabil. Fast so, als würde diese Energie noch immer dort wirken.
Der Petersdom: eine Insel der Stille
Und dann kam der Petersdom. Schon auf der Anreise hatte ich gedacht, dass sich dort die Quelle dieses starken Pulses befinden könnte – diese Trommel, die ich so deutlich wahrgenommen hatte. Ich war überzeugt gewesen, dass sich diese Energie im Zentrum der Stadt bündeln würde, vielleicht genau dort.
Doch als ich den Petersdom betrat, geschah etwas völlig anderes. Es wurde still. Nicht äußerlich – Menschen waren überall, Touristen liefen durch die Kirche, Stimmen hallten durch den riesigen Raum. Aber innerlich war es plötzlich ruhig. Diese Art von Ruhe, die nicht entsteht, weil es leise ist, sondern weil ein Raum eine eigene Energie trägt.
Ich blieb stehen und schaute nach oben. Diese gewaltige Kuppel. Dieses Licht. Diese unglaubliche Größe. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, dass dieser Ort sich tatsächlich bewusst vom Rest der Stadt abgrenzt. Als hätte jemand mitten im energetischen Sturm Roms einen Raum gebaut, der sagt: Hier gilt ein anderer Rhythmus. Hier darfst du langsamer werden. Hier musst du nichts aufnehmen. Hier kannst du einfach sein.

Und genau in diesem Moment verstand ich etwas sehr Wichtiges. Die Lösung für diese starke Energie war nicht, dagegen anzukämpfen. Auch nicht, mich ihr komplett anzupassen. Sondern genau das, was diese Orte vorgemacht hatten: eine eigene Insel zu schaffen. So wie die Vestalinnen. So wie dieser Raum im Vatikan. Nicht laut, nicht dramatisch – einfach stabil.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Fähigkeiten für Menschen, die sehr fein wahrnehmen: nicht jede Energie aufzunehmen, nicht mit jeder Frequenz mitzuschwingen, sondern zu wissen, wo der eigene Mittelpunkt liegt – und wie man dorthin zurückfindet. Für mich war es in diesen Tagen erstaunlich simpel: Wasser, Ruhe, das richtige Essen, ein paar kleine Rituale und die Entscheidung, mir selbst zu vertrauen.
Was Rom mich gelehrt hat
Rom hat mich nicht überwältigt. Rom hat mich etwas gelehrt: dass man auch mitten in einer Stadt voller Energie ruhig bleiben kann. Nicht, indem man stärker wird als die Welt, sondern indem man stark genug wird, sich selbst zu halten.
Wenn ich heute an diese Tage in Rom zurückdenke, dann war es nicht die Stadt selbst, die mich herausgefordert hat. Rom ist einfach Rom – laut, lebendig, voll von Geschichte, Bewegung, Stimmen, Touristen, Mopeds. Die eigentliche Herausforderung lag woanders: in der Begegnung zwischen meinem eigenen inneren Rhythmus und einem Ort, der einen sehr starken, sehr eigenständigen Takt hat.
Und vielleicht kennst du genau das auch. Diese Momente, in denen du irgendwo bist, wo eigentlich alles stimmt. Die Umgebung ist schön, die Menschen sind freundlich, der Ort ist interessant. Und trotzdem fühlst du dich unruhig, gereizt, überfordert – oder einfach nicht ganz du selbst. Dann beginnen wir oft sofort, nach Gründen zu suchen: zu viele Menschen, zu laut, zu wenig Schlaf. Manchmal stimmt das auch. Aber manchmal liegt die Antwort ganz woanders: Manchmal bist du einfach nicht im gleichen Rhythmus wie der Ort, an dem du gerade bist.
Für mich war Rom genau das. Nicht falsch, nicht schlecht – einfach anders. Und mein System hat darauf reagiert. Nicht, weil etwas mit mir „nicht stimmt“, sondern weil mein System fein wahrnimmt. Und genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis, besonders für hochsensible oder sehr intuitive Menschen: Du musst nicht mit jeder Energie um dich herum mitschwingen. Du musst nicht im gleichen Tempo leben wie die Welt um dich herum. Aber du musst wissen, wie du wieder zu dir selbst zurückfindest.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion aus dieser Geschichte: nicht stärker zu sein als die Welt, nicht lauter zu werden als die Energien um dich herum – sondern ruhig genug zu bleiben, um dich selbst noch hören zu können. So wie die Vestalinnen damals ihren eigenen Raum geschaffen haben. So wie der Petersdom mitten im pulsierenden Rom eine Insel der Stille bildet. So darfst auch du deinen eigenen inneren Raum haben. Eine kleine Oase in dir. Einen Ort, an den du jederzeit zurückkehren kannst.
Und wenn du diesen Ort kennst, dann kannst du dich auch durch laute, intensive, manchmal chaotische Welten bewegen – ohne dich selbst zu verlieren. Nicht, weil die Welt leiser geworden ist. Sondern weil du gelernt hast, deinen eigenen Rhythmus zu halten. Und genau darin liegt eine große Stärke. Vielleicht sogar eine, die unsere Welt heute mehr braucht denn je.


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